Schneiden ist nicht gleich Schneiden
Sensen wie früher im Valle Maira
Schwer zu bekommen sind sie, neue Sensen, vor allem die mit einer Schnittlänge von mehr als 60 Zentimetern. Kein Mensch senst mehr. Wir haben ja jetzt „Rüdiger“, unseren Mähroboter. Okay. Wenn aber der Hang so steil ist, dass man kaum gehen kann und die Krautlänge bis etwa zwei Meter fünfzig geht, kommt der Roboter an seine Grenze. Die großen Geräte für so was sind bestimmt da auf dem Markt, aber die schiere Steilheit erfordert da eine gewisse Spezialisierung in Form von Antrieb und Kippschutz.
Ernesto ist ja als Junge immer an die Hänge des Monte Buch geschickt worden, um Heu für die Tiere zu machen. Da ist es steil, heiß und relativ weit weg. Man stelle sich nun vor, er müsste mit Rüdiger, der Basistation und jeder Menge Leitdraht kurz unter dem Gipfel des Monte Buch stehen und dann merken, dass der Akku nicht ganz voll ist und eine Restlaufzeit von 26 Minuten angezeigt wird. Absurd. Bei solchen Vergleichen wird klar, wie weit entfernt von der Natur das so genannte zivilisierte Leben sein kann.
Eigentlich war es so einfach: Sense und Rechen auf den Rücken und los. Keine Gedanken an leere Akkus, nur auf die Frauen musste man sich verlassen. Mittags mussten sie die Polenta bringen, denn da war wirklich der Akku zum ersten Mal leer.
Beim Sensen wie früher im Valle Maira ging es ja außerdem um die Heuernte und nicht um das sinnlose Kurzhalten einer Rasenfläche im Stadtgarten. Deswegen zogen sie mit dem Schlitten los. Leer haben sie ihn hoch geschleift und voll beladen wieder hinab. Was nun schwieriger war, vermag Ernesto auch nicht mehr genau zu sagen. Rauf, leer zwar, aber so steil, dass man auch schon ohne Schlitten Probleme hat, runter, voll und mit Schub, ebenso steil und ohne Bremse. Beides extrem.
Wir sensen heute zwar, aber „nur“ um die Verwaldung zu verhindern. Es gibt keine Kühe mehr, die wir im Winter versorgen müssen, das Heu verbrennen wir.
Es ist eine sehr meditative, wenn auch nicht ganz unanstrengende Arbeit. Etwa alle 50-100 Schläge muss man das Blatt nachschärfen, eine willkommene Ruhepause. Morgens und je nach Einsatzhärte auch abends wird das Blatt gedengelt, um das Metall an der Schnittkante wieder dünn zu bekommen und es dann mit dem Schleifstein schärfen zu können.
Es muss nicht gesagt werden, dass Ernesto mit seinen 82 Jahren das Sensen mit übrigens einer alten Sense mit Holzgriff nicht nur wesentlich schneller, sondern auch besser und leichter hinbekommt, als wir Städter mit der Sense aus dem hippen Store auf der Suche nach romantischem Landleben.




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